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Wiener­WissensWelt

Drehscheibe für Bildung, Forschung und Wirtschaft.



International Conference on Working Class Districts 2017, Vienna, 14.-15.09.2017.

 



Das war die Konferenz: Lebensqualität und Wandel in Favoriten

20.09.2017
Reprint des FHCW-Berichts, © FH Campus Wien

Leistbares Wohnen, Bildungs-, Gesundheitsangebote und Erholungsräume, Konfliktkultur, Urbanisierung als Geisteshaltung sind zentrale Hebel für Lebensqualität in der wachsenden Stadt, so der Tenor einer internationalen und interdisziplinären an der FH Campus Wien.


Im Rahmen der Konferenz „Urbane Transformationen und Lebensqualitäten in der wachsenden Stadt rückten die ArbeiterInnenviertel in peripheren Räumen erstmals ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Aus mehr als 80 internationalen Einreichungen wurden wissenschaftliche Beiträge ausgewählt. Neben KeynotespeakerInnen von Hochschulen aus Österreich, Schweiz, Deutschland und Großbritannien fanden öffentliche Podiumsdiskussionen mit ExpertInnen und VertreterInnen der Wiener Stadtpolitik und -verwaltung statt.

Technik allein ist nur ein Teil der Lösung

Nur wenn man die Stadtentwicklung aus der Sicht verschiedener Disziplinen wie Architektur, Soziale Arbeit, Gesundheit oder Technik, betrachtet, hat man die Chance zu Lösungen nachhaltigen Lösungen zu kommen: „Wenn wir Stadttechnologien verstehen wollen, müssen wir uns mit deren zugrundeliegenden Wertevorstellungen und Zielen auseinandersetzen und nicht nur mit ihren technischen Eigenschaften, so Dietmar Offenhuber, Northeastern University, Boston.

Favoriten – ein Bezirk mit vielen Gesichtern

Demnächst 200.000 EinwohnerInnen, unterdurchschnittliche Einkommen, hoher Migrationsanteil, das ist ein Gesicht von Favoriten. Ein anderes: Der neue Stadtteil Sonnwendviertel rund um den Hauptbahnhof, die U1-Verlängerung oder die Entwicklung der FH Campus Wien zur Science City im Süden Wiens. Das sind Beispiele dafür, dass sich der ehemalige ArbeiterInnenbezirk verändert – mit hoher Dynamik, steigenden Preisen und zunehmender Heterogenität. Jörg Fackelmann, Leiter der Mobilen Jugendarbeit - Back on Stage 10 bestätigt: „Bei einem Großteil der Jugendlichen ist eine starke Identifikation mit „ihrem“ Bezirk wahrnehmbar. Mit den ihnen zur Verfügung stehenden räumlichen Ressourcen haben sie gelernt sich zu arrangieren.“

Durchmischte und lebendige Viertel

„Die Herausforderungen für einen stark wachsenden Bezirk sind die Erhaltung und Verbesserung der Wohnqualität durch leistbaren Wohnbau verbunden mit ausreichendem Bildungsangebot und Gesundheitsversorgung sowie der Vernetzung von urbanen Bezirksteilen mit diversen Stadtentwicklungsgebieten, so Josef Kaindl, Bezirksvorsteher Stv.. Diversität im Auge zu behalten, ist in jedem Fall wesentlich für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Denn „die“ Migration gäbe es nicht, sondern verschiedene Formen, wie Tourismus, Austauschstudierende, Flüchtige – wies Felicitas Hillmann, Professorin für Transformation städtischer Räume im internationalen Kontext an der TU Berlin, hin. So bürgen migrantische Ökonomien Potenziale und seien als urbane Transformationen für die Entwicklung bestimmter Quartiere substanziell.

Künstlerische Strategien neben der klassischen Etablierung von sozialen und kulturellen Programmen verfolgt Barbara Holub, transparadiso. Sie betont, wie wichtig es ist, einen neuen ersten „Schritt VOR der Planung“ gemeinsam mit AkteurInnen vor Ort zu entwickeln („Direkter Urbansimus“), um Kommunikationsprozesse zwischen verschiedenen Bereichen der Gesellschaft anzuregen – für ein durchmischtes und lebendiges Viertel

Bildung als Voraussetzung für Lebensqualität

Wilhelm Behensky, Geschäftsführer der FH Campus Wien, sieht die rasant wachsende Hochschule mit Ausbauplänen am Standort „Altes Landgut“ als Chance, um für die Wiener Bevölkerung den Zugang zu akademischer Bildung und lebenslangem Lernen zu verbessern. Das ermögliche gesellschaftliche Teilhabe – eine wichtige Voraussetzung für Lebensqualität. Wesentlich sei es auch, die Bevölkerung vor Ort in diese Stadtentwicklung miteinzubeziehen. Davon ist auch Sozialraumexperte und Lehrender an der FH Campus Wien, Christoph Stoik überzeugt: "Die Herausforderung ist, die Menschen, die in diesen unterschiedlichen Stadtteilen, in den Altbauvierteln, im Gemeinde- oder Neubau leben, ‚mitzunehmen‘, damit sie nicht zu den VerliererInnen der Transformationen werden.“ Auch in Zeiten zunehmender Ausgabenkürzungen vieler Städte, meinte Ali Madanipour, Professor für Urban Design an der Newcastle University, sei es wesentlich den Zugang zu öffentlichem Raum auch für benachteiligte Gruppen zuzulassen, zumindest über eine symbolische Präsenz – in der die Identität der Bevölkerung im öffentlichen Raum repräsentiert wird, wie zum Beispiel im Stadtteil ‚Norrebro’ in Kopenhagen.

Leistbares Wohnen bleibt elementare Frage

Christoph Chorherr, Planungssprecher, Die Grünen Wien: "Das Prinzip einer wachsenden Stadt: Was gestern noch ‚Peripherie‘ war, wird morgen ‚mitten in der Stadt‘ sein. Die größte Herausforderung: Den explodierenden Bodenpreisen entgegentreten“. Für Thomas Madreiter, Planungsdirektor der Stadt Wien, geht es darum „bestehende und neu entstehende Strukturen besser zu verweben, Zentren zu stärken, die Stadt auch in periphereren Lagen vielfältiger zu machen“. Wien stehe im internationalen Vergleich relativ gut da, weil die Stadt noch über Baulandreserven verfüge und der öffentlich subventionierte Wohnbau Wohnen für viele leistbar mache. Das bestätigte auch Marie Glaser, Leiterin des ETH Wohnforums an der ETH Zürich und verwies auf den Stellenwert sozialer Wohnmodelle.

Wien im Vergleich zur Schweiz

Der genossenschaftliche Wohnbau habe in der Schweiz keine vergleichbare Tradition – Zürich zeige hier aber mit einer Quote von 25 Prozent andere mögliche Wege: „Die Genossenschaftsidee neu zu beleben und genossenschaftlichen Wohnungsbau auf Basis der Kostenmiete zu realisieren, ist als eine Schiene unter mehreren bei der Versorgung mit leistbarem und inklusivem Wohnraum, sinnvoll. Zudem braucht es eine Unterstützung der AkteurInnen an der Schnittstelle zwischen Sozialhilfe und Wohnungsmarkt“, so Glaser.

Mittelschicht unter Druck – Wohnungslose noch mehr

Umso schwieriger sei es, so Marc Diebäcker, Politikwissenschaftler und Sozialraumexperte der FH Campus Wien, mit Blick auf Wien, insbesondere für die ca. 3.000 bis 5.000 wohnungslosen oder in ungesicherten Verhältnissen lebenden Menschen wieder Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Tanja Wehsely, Beratungsgruppe Soziale Arbeit im öffentlichen Raum und Gemeindetätin der SPÖ stimmte zu, dass die Stadt vor der großen Herausforderung stehe, genügend Wohnraum für besonders vulnerable Personen zu schaffen. Der Druck auf kostengünstigen Wohnraum steige jedenfalls. Dies zeige sich dadurch, dass die Frage des leistbaren Wohnraums in Wien bereits in der Mittelschicht angekommen sei, so auch Daniel Glaser IBA_Wien und Wohnbauforschung, Stadt Wien. Einig waren sich alle Beteiligten darin, dass eine aktivere Bodenpolitik und ein mutiger Einsatz bestehender Instrumente gegen explodierende Bodenpreise ein möglicher Weg in Wien wären.

Die Veranstaltung fand im Zuge des Projekts Wiener WissensWelt-Trendradar für Markt und Wissenschaft der FH Campus Wien, gefördert von der Stadt Wien (MA 23), sowie im Rahmen des internationalen Hochschulnetzwerks INUAS statt.

Weitere Informationen


Interview mit Mark Diebäcker und Isabel Glogar: Zur Lebensqualität in peripheren Gebieten


20.09.2017
Reprint des FHCW-Interviews, © FH Campus Wien


Marc Diebäcker, Lehrender aus dem Department Soziales und Isabel Glogar aus dem Department Bauen und Gestalten über Lebensqualität in wachsenden Städten, das Besondere an ArbeiterInnenvierteln und die Vorteile der Transdisziplinarität.


Städte wachsen – was bedeutet das für die Lebensqualität?

Diebäcker: Wenn Städte dynamisch wachsen, ist das unter anderem durch ökonomische Innovationen, technischen Errungenschaften oder eine Vielfalt urbaner Lebensstile gekennzeichnet. Diese positiven Effekte sind aber mit „Wachstumsschmerzen“ verbunden wie Verknappung von Baulandreserven, drohende Gentrifizierung und steigende Mieten, mehr Verkehr oder ein schlechter werdendes Stadtklima. Lebensqualität muss also differenziert betrachtet werden. Wer profitiert von welchen Entwicklungen und wer nicht. Eine soziale Stadtpolitik ist mit Blick auf Bildung, Wohnen und Gesundheit besonders gefordert, den Lebensstandard von jenen zu sichern, die eben nicht vom Wachstum profitieren. Deswegen zielt die Tagung darauf ab, Zukunftstrends städtischer Entwicklung in peripheren Gebieten zu analysieren und innovative, qualitätsvolle Projekte zu diskutieren.

Was verstehen Sie unter qualitätsvoller Stadtentwicklung?

Glogar: Eine Antwort auf Städtewachstum ist die Nachverdichtung. Gerade in peripheren Räumen wie dem in der Industrialisierung entstandenen ArbeiterInnenviertel in Favoriten braucht es aber dann zusätzliche soziale Infrastrukturen wie Schulen, ausreichend Freiräume, soziale und kulturelle Angebote wie Jugendzentren und SeniorInnentreffs. Untersuchungen zeigen auch, dass Stadträume, die so konfiguriert sind, dass sie soziale Interaktion, aber auch privaten Rückzug erlauben, Lebensqualität ermöglichen. Die Stadt hat hier eine besondere Verantwortung, damit Lebensqualität am Ende nicht eine Frage des Einkommens und der Leistbarkeit ist.

Was macht die Lebensqualität in ArbeiterInnenvierteln aus?

Glogar: Es gibt die Lebensqualität jener, die schon da waren und eine andere für jene, die hinzukommen. Es geht darum, nicht abzuwerten, neue urbane Praktiken miteinzubeziehen und Diversitäten hochzuhalten. Für jede Person ändert sich die Lebensqualität im Laufe der Zeit. Daher braucht es experimentelle, bedarfsgerechte Wohnformen, mehr Gemeinschaftsräume für verschiedene Lebensmodelle und -phasen, etwa in der Jugend und im Alter. Normwohnungen, die das ganze Leben lang passen, sind ein Auslaufmodell. Ein experimentelles Beispiel ist das Projekt "Kalkbreite" in Zürich, dort lebt man mit kleinen Wohnräumen, dafür großen Gemeinschaftsräumen, Photovoltaik am Dach und Mobilitätskonzept mit Radverkehr. Ein anderes das Projekt „Mehr als Wohnen“, auch ein Architekturprojekt für die Gemeinschaft aus Zürich – ein 41.000 m² großes Areal, keine bloße Siedlung, sondern ein lebendiges Quartier. In suburbanen Räumen ist die Quartiersbildung besonders wichtig, sie hört nicht an der Grenze eines Bauplatzes auf, sondern funktioniert wie eine Stadt in der Stadt.

Welche Rolle hat der öffentliche Raum?

Diebäcker: Der Öffentliche Raum verbessert die Lebensqualität. Denn eine hohe Freiraumqualität stützt die sozialen Beziehungen und ist der Boden einer städtischen Gesundheitsförderung. Mehr Grünraum und weniger versiegelte Flächen sind wesentlich, um den Temperaturanstieg zu verringern. Und der öffentliche Raum muss mehr Platz für nachhaltige Mobilitätsformen bieten. Bei diesem notwendigen Wandel geht es im Sinne einer partizipativen Stadtentwicklung darum, mit den Perspektiven der lokalen Bevölkerung zu arbeiten.

Warum stehen gerade die ArbeiterInnenviertel im Mittelpunkt?

Diebäcker: Wenn über Städtewachstum diskutiert wird, geht es meistens um zentrale Lagen in „boomenden“ Metropolen. Gelegentlich wird auch über schrumpfende Städte und deren Herausforderungen debattiert. Sich Stadtentwicklung in ArbeiterInnenvierteln, also in peripheren Räumen wachsender Städte, transdiszplinär anzuschauen, das gab es bislang noch nicht.

Was bringt der transdisziplinäre Zugang?

Diebäcker: Urbane Entwicklungen sind heute so komplex, dass eine Disziplin allein keine treffenden Antworten mehr geben kann. In der Stadtforschung geht es darum, Phänomene aus dem Blickwinkel der Betroffenen zu betrachten und dann das Wissen von Sozial- und Humanwissenschaften, Architektur und Raumplanung sowie Naturwissenschaft zu bündeln. So können komplexe und variable Lösungen für gesellschaftliche Trends gefunden und umgesetzt werden. Ein Beispiel: Wir erleben heute enorme Technologiesprünge, aber nicht alles was technisch machbar oder innovativ ist, trifft bei den NutzerInnen auf Akzeptanz. Diese Brücke kann nur gemeinsam gebaut werden.

Wie funktioniert das am Beispiel der Mobilität?

Glogar: Bestimmte in den 1960er Jahren der motorisierte Individualverkehr die Mobilität, sind es aktuell Konzepte wie Car-Sharing, Ausbau des Fuß- und Radverkehrs, aber auch autonomes Fahren. Das Thema Mobilität wird jedoch derzeit überwiegend von technischen Innovationen geprägt, für die Zukunft wäre es sinnvoll noch stärker interdisziplinär zu forschen, zukünftige NutzerInnen stärker einzubinden, um hier eine höhere Akzeptanz zu erreichen, aber auch damit einhergehende gesellschaftliche Veränderungen einzubeziehen.

Welche Veränderungen sehen Sie in Favoriten? Was ist spezifisch und was liegt im internationalen Trend?

Diebäcker: Der neue Stadtteil Sonnwendviertel rund um den Hauptbahnhof, die U1-Verlängerung, die Neugestaltung des Reumannplatzes, die Entwicklung der FH Campus Wien zur Science City im Süden Wiens sind nur einige Beispiele dafür, dass sich der ehemalige ArbeiterInnenbezirk Favoriten verändert – mit hoher Dynamik. Beispielsweise wird sich die Entwicklung des Sonnenwendviertels auf das Leben in Innerfavoriten auswirken und der Druck auf das schon länger hier wohnende „moderne Prekariat“ steigt. Stadtentwicklungsprozesse wie in Favoriten, lassen sich auch in anderen Städten beobachten. Beispielsweise liegt die Nachverdichtung und Verwertung von brach liegenden Industrie- und aufgelassenen Infrastrukturflächen etwa der Bahn im internationalen Trend.

Glogar: Das Spezifische an Favoriten oder Wien ist beispielsweise der hohe Anteil an öffentlich subventioniertem Wohnbau. Punkto Innovations- und Experimentierfreude, etwa mit neuen Wohnformen oder BürgerInnenbeteiligung in der Stadtplanung sehen wir in Favoriten oder in Wien noch Potenzial. Die große soziale Frage der Zukunft bei uns und in anderen Metropolen bleibt jene nach dem leistbaren Wohnen – solche und andere Themen der Stadtentwicklung stehen im Mittelpunkt der Tagung.

Marc Diebäcker ist Politikwissenschaftler und Sozialraumexperte mit dem Schwerpunkt soziale Stadtentwicklung, Isabel Glogar Architektin und Stadtforscherin. Einer ihrer Schwerpunkte ist das Wohnen aus kulturhistorischer, soziokultureller und architektur-theoretischer Perspektive. Als Mitglieder der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe „Lebensqualität urbaner Räume“ der FH Campus Wien haben sie die Konferenz “Urbane Transformationen und Lebensqualitäten in der wachsenden Stadt” mitgestaltet. Sie findet im Zuge des Projekts WienerWissensWelt-Trendradar für Markt und Wissenschaft, gefördert von der Stadt Wien (MA 23), zum Aufbau einer Wissendrehscheibe und im Rahmen des internationalen Hochschulnetzwerks INUAS statt.