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Wiener­WissensWelt

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WISSEN

Quelle: Hacker als Immunsystem des Internets

Keren Elazari

Media

Quelle: Ted.com. Rechte siehe: Lizenzen.

Bibliographische Information

Verantwortlich für den Artikeltext: [ Gernot Hausar (-gh) ]

Schlagworte

 


Transkript

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Vor vier Jahren fand ein Sicherheitsexperte oder, wie die meisten ihn nennen würden, ein Hacker, einen Weg, Bankautomaten wortwörtlich Geld regnen zu lassen. Sein Name war Barnaby Jack und seine Technik wurde später zu seinen Ehren "Jackpotting" genannt. Ich bin heute hier, weil ich denke, dass wir Hacker brauchen. Barnaby Jack hätte mit seinem Wissen ohne Weiteres zu einem Berufsverbrecher oder einem James-Bond- Schurken werden können,

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aber er entschied sich, der Welt stattdessen seine Forschung zu zeigen. Er glaubte daran, dass man manchmal eine Bedrohung vor Augen führen muss, um eine Lösung hervorzubringen. Und ich sehe das genauso, darum bin ich heute hier. Wir sind oft entsetzt und fasziniert von der Macht, die Hacker heute haben. Sie machen uns Angst. Aber die Entscheidungen, die sie treffen, haben drastische Auswirkungen auf uns alle. Ich bin heute hier, weil ich denke, dass wir Hacker brauchen und sie letztlich das Immunsystem des Informationszeitalters sein könnten. Manchmal machen sie uns krank, aber sie finden auch diese verborgenen Gefahren in unserer Welt

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und sie bringen uns dazu, diese zu beseitigen. Ich wusste, dass ich für diesen Vortrag vielleicht gehackt werden würde, also erspare ich euch die Mühe. In wahrer TED-Manier, hier mein peinlichstes Foto. Aber es wird schwer, mich zu entdecken, weil ich das Kind bin, das wie ein Junge aussieht, ganz am Rand. Ich war damals so ein Nerd, dass mich nicht mal die Jungs im Dungeons-and-Dragons-Team mitspielen ließen. So war ich, aber das wollte ich sein: Angelina Jolie. Sie spielte Acid Burn in dem Film "Hackers" von 1995.

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Sie sah gut aus und konnte inlineskaten, aber ein Hacker zu sein, gab ihr Macht. Und ich wollte ganz genau wie sie sein. Also begann ich, eine Menge Zeit in Chatrooms und Foren zu verbringen. Ich erinnere mich an eine lange Nacht, in der ich einen Programmiercode fand. Ich wusste nicht, was er tat, aber ich kopierte ihn und nutzte ihn, um auf eine passwortgeschützte Seite zu kommen, so wie diese. Sesam öffne dich. Es war ein einfacher Trick und ich war damals nur ein "Skriptkiddie", aber für mich fühlte sich dieser Trick so an, als hätte ich unendliches Potenzial in meinen Fingerspitzen entdeckt. Das ist das Machtgefühl, das Hacker haben. Es sind Geeks wie ich, die entdecken, dass sie Zugang zu Superkräften haben. Solche, die das Geschick und die Ausdauer ihres Intellekts erforden, aber glücklicherweise keine radioaktiven Spinnen. Aber große Macht bedeutet auch große Verantwortung. Und wir mögen alle den Gedanken, dass wir Macht nur zum Guten nutzen würden. Aber was, wenn Sie die Mails Ihrer Ex lesen oder ein paar Nullen an Ihr Bankkonto hängen könnten ... Was würden Sie dann tun? Tatsächlich können viele Hacker diesen Versuchungen nicht widerstehen. Daher sind sie jedes Jahr auf die eine oder andere Weise für neue Milliardenschäden verantwortlich, für Betrug, Malware oder den guten alten Identitätsdiebstahl, was ein ernsthaftes Problem ist. Aber es gibt andere Hacker — Hacker, die einfach gern Dinge kaputt machen. Und es sind genau diese Hacker, die die Schwachstellen in unserer Welt finden und uns zwingen, sie zu reparieren. Das passierte letztes Jahr, als ein anderer Sicherheitsexperte, Kyle Lovett, eine riesige Sicherheitslücke in der Bauart gewisser drahtloser Modems fand, wie auch Sie vielleicht in Ihrem Büro oder Heim haben. Er fand heraus, dass sich jeder von überall aus mit diesen Geräten verbinden und Dokumente von den Festplatten herunterladen könnte, die mit diesen Routern verbunden sind — ganz ohne Passwort.

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Natürlich meldete er das dem Hersteller, aber der ignorierte seinen Hinweis. Vielleicht dachte man dort, universeller Zugang sei ein Feature und kein Bug. Bis vor zwei Monaten eine Gruppe von Hackern ihn nutzte, um Zugang zu den Dateien von Nutzern zu erhalten. Aber sie stahlen nichts. Sie hinterließen eine Nachricht: Jeder auf dieser Welt kann auf Ihren Router und Ihre Dokumente zugreifen. Tun Sie Folgendes, um das zu unterbinden. Wie hoffen, Ihnen geholfen zu haben. Indem sie auf die Dateien zugegriffen haben, haben sie Gesetze gebrochen, aber sie haben auch den Hersteller gezwungen, sein Gerät zu reparieren. Der Öffentlichkeit Schwachstellen zu zeigen, ist eine Vorgehensweise, die in der Hacker-Szene "Full Disclosure" genannt wird und die umstritten ist, aber sie brachte mich dazu, darüber nachzudenken, wie Hacker einen evolutionären Effekt auf Technologien haben, die wir jeden Tag nutzen. Das ist es, was Khalil getan hat. Khalil ist ein palästinensischer Hacker der Westbank

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und er fand eine ernstzunehmende Sicherheitslücke auf Facebook, die er über das Bug Bounty Programm des Unternehmens melden wollte. Das sind normalerweise tolle Programme für Unternehmen, die Hacker für jede Sicherheitslücke belohnen, welche sie im Quellcode finden. Aufgrund von Kommunikationsproblemen wurde seinen Meldung leider nicht anerkannt. Aus Frustration über diesen Austausch nutzte er seine Entdeckung, um an Mark Zuckerbergs Wall zu posten. So bekam er ihre Aufmerksamkeit und sie behoben den Fehler. Da Khalil ihn aber nicht ordnungsgemäß gemeldet hatte, wurde ihm die Belohnung verweigert, die normalerweise ausgezahlt wird. Jedoch hatte ihn eine Gruppe von Hackern beachtet, und tatsächlich sammelten sie über 13.000 Dollar, um ihn für seine Entdeckung zu belohnen, was eine rege Diskussion in der IT-Branche darüber auslöste, wie wir mit Anreizen für Hacker umgehen, das Richtige zu tun. Aber ich denke, dass es hier um eine noch größere Sache geht. Sogar Unternehmen, die von Hackern gegründet wurden, wie Facebook, haben noch immer eine komplizierte Beziehung zu Hackern. Für konservativere Unternehmen wird es also lange dauern, sich zu wandeln, um die Hacker-Kultur und ihr kreatives Chaos wertzuschätzen. Aber ich denke, die Mühe lohnt sich, denn die Alternative, blind alle Hacker zu bekämpfen, bedeutet gegen eine Macht sein, die man nicht kontrollieren kann, und das auf Kosten langsamer Innovation und Regulierung von Wissen. Das sind Dinge, die sich später rächen. Besonders dann, wenn wir Hacker jagen,

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die bereit sind, ihre Freiheit aufs Spiel zu setzen für Ideale wie die Freiheit des Internets, besonders in Zeiten wie diesen, in denen Regierungen und Unternehmen darum kämpfen, das Internet zu kontrollieren. Ich finde es erstaunlich, dass jemand aus der dunklen Ecke des Cyberspace die Stimme seiner Opposition werden kann, seine letzte Verteidigungslinie, vielleicht jemand wie Anonymus, die führende Marke des globalen Hacktivismus. Die universale Hacker-Bewegung braucht heute keine einleitenden Worte, vor sechs Jahren jedoch war sie nicht vielmehr als eine Internet-Subkultur, die sich dem Verbreiten dämlicher Katzenbilder und Trolling-Kampagnen verschrieben hatte. Die Transformation kam Anfang 2008, als Scientology gewisse geleakte Videos von gewissen Seiten entfernen wollte. In diesem Moment wurde Anonymus aus einer scheinbar willkürlichen Ansammlung von Internetnutzern geboren. Aber das Internet mag es nicht, wenn man versucht, ihm Dinge zu entnehmen. Es wird sich mit Cyberattacken, durchdachten Streichen und organisierten Protesten überall auf der Welt, von meiner Heimatstadt Tel Aviv bis nach Adelaide in Australien, wehren. Das zeigte, dass Anonymus und diese Idee Menschen von der Tastatur auf die Straßen bringen können, und dies legte den Grundstein für dutzende weitere Aktionen gegen empfundene Ungerechtigkeiten gegen ihre Welt, online wie offline. Seitdem haben sie viele Ziele verfolgt. Sie haben Korruption und Missbrauch aufgedeckt. Sie haben Päpste und Politiker gehackt und ich denke, ihr Effekt ist größer als simple DoS-Angriffe, die Websites zum Absturz bringen oder gar sensible Dokumente offenlegen. Ich denke, dass sie, wie Robin Hood, Umverteilung betreiben. Aber es geht ihnen nicht um Geld, auch nicht um Ihre Dokumente, sondern um Ihre Aufmerksamkeit. Sie rücken Fälle in den Fokus, die sie unterstützen und zwingen uns, hinzusehen, indem sie wie eine globale Lupe Probleme fokussieren, deren wir uns nicht bewusst sind, aber eventuell sein sollten. Ihnen wurden viele Namen gegeben, von Kriminellen bis zu Terroristen, und ich kann ihre illegalen Aktivitäten nicht rechtfertigen, die Ideen, für die sie kämpfen, betreffen uns aber alle. Die Wahrheit ist, dass Hacker viel mehr tun können, als Dinge zu zerstören. Sie können Menschen zusammenbringen. Und wenn das Internet es nicht mag, dass man versucht, ihm Dinge zu entnehmen, schauen Sie, was passiert, wenn man versucht, es abzuschalten. Das geschah in Ägypten im Januar 2011, als Präsident Husni Mubarak in einem verzweifelten Versuch,

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die Revolution in den Straßen Kairos niederzuschlagen, seine Leute zu Ägyptens Internetanbietern schickte und sie wortwörtlich den Stecker ziehen ließ bei der Anbindung des Landes zur Welt — über Nacht. Nie hatte eine Regierung jemals so etwas getan und für Hacker wurde die Sache dadurch persönlich. Hacker wie die Telecomix Group waren im Untergrund schon aktiv und halfen Ägyptern die Zensur zu umgehen, mit ausgefuchsten Workarounds, wie Morsezeichen und Amateurfunk. Es war Hochsaison für "Low-Tech", die die Regierung nicht blockieren konnte, aber als das Internet ganz zusammenbrach, fuhr Telecomix schweres Geschütz auf. Sie fanden europäische Anbieter, die noch 20 Jahre alte, analoge Einwählsysteme hatten. Sie stellten 300 Stück davon für Ägypter bereit und lieferten so eine langsame, aber funktionierende Internetverbindung. Es funktionierte. Es funktioniere so gut, dass jemand sogar eine Folge HIMYM herunterladen konnte. Doch während Ägyptens Zukunft noch immer unsicher ist, war Telecomix vorbereitet, als das gleiche nur ein Jahr später in Syrien passierte. Anonymus war die vielleicht erste internationale Gruppierung, die das Vorgehen des syrischen Militärs öffentlich anprangerte, indem sie ihre Website verunstalteten. Aber bei dieser Art von Macht kommt es sehr darauf an, an wessen Seite man ist, denn des einen Held ist des anderen Verbrecher. So ist die Syrian Electronic Army eine Pro-Assad-Gruppe von Hackern, die sein umstrittenes Regime unterstützt. Sie nahmen in den vergangenen Jahren mehrere hochrangige Ziele in Visier, darunter den Twitter-Account von Associated Press, auf welchem sie eine Nachricht posteten, dass Obama bei einem Anschlag auf das Weiße Haus verletzt wurde. Der Tweet war natürlich ein Fake, die resultierenden Kursverluste des Dow Jones hingegen waren es nicht und so verloren eine Menge Leute eine Menge Geld. Solche Dinge geschehen gerade auf der ganzen Welt. In Konflikten auf der Krim und in Lateinamerika, in Europa und den Vereinigten Staaten, sind Hacker eine soziale, politische und militärische Macht. Ob als Individuen oder in Gruppen, als Ehrenamtliche oder in militärischen Konflikten. Hacker gibt es überall. Sie kommen aus allen sozialen Schichten, haben verschiedene Ethnien, unterschiedliche ideologische Hintergründe und Geschlechter. Sie gestalten jetzt das Weltgeschehen. Hacker stellen heute eine außergewöhnliche Kraft für Veränderung dar. Weil Zugang zu Informationen ein entscheidender Machtfaktor ist, den Regierungen gern kontrollieren würden. Das versuchen sie, indem sie allumfassende Überwachungsprogramme etablieren, wofür sie übrigens Hacker brauchen. Daher hat die Regierung eine weit zurückreichende Hass-Liebe zu Hackern, weil dieselben Leute, die das Hacken verteufeln, es auch im großen Stil nutzen. Vor zwei Jahren sah ich General Keith Alexander. Er ist der Direktor der NSA und Cyber-Kommandeur, aber anstatt seiner Vier-Sterne-General Uniform, trug er Jeans und T-Shirt. Das war auf der DEF CON, der größten Hacker-Konferenz der Welt. Wie auch ich sah er dort vielleicht keine 12 000 Kriminelle in Las Vegas. Ich denke, er sah ungenutztes Potential. Tatsächlich war er dort, um eine Stelle auszuschreiben. "In diesem Raum", sagte er "ist das Talent, das unsere Nation braucht." Hacker in der letzten Reihe antworteten: "Dann hört auf, uns zu verhaften." (Gelächter) (Applaus) Jahrelang standen Hacker auf der falschen Seite, aber im Lichte unseres heutigen Wissens, wer passt besser auf unsere Internetwelt auf? Die Spielregeln sind nicht mehr so klar wie früher, aber vielleicht sind Hacker die einzigen, die in der Lage sind, Regierungen und datensammelnde Unternehmen auf ihrem eigenen Spielfeld herauszufordern. Für mich stellt das eine Hoffnung dar. Über die letzten drei Jahrzehnte haben Hacker viel getan, sie haben aber auch Bürgerrechte, Innovation und Internetfreiheit beeinflusst, und ich denke, es ist an der Zeit, sich genau anzuschauen, wie wir Hacker darstellen. Wenn wir sie nämlich weiterhin als die bösen Buben sehen, wie können sie dann auch Helden sein?

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Meine Jahre in der Hacker-Szene haben mich sowohl das Problem als auch das Schöne der Hacker wahrnehmen lassen: Sie können einfach nichts Kaputtes in dieser Welt sehen und lassen, wie es ist. Sie haben den Zwang, Kaputtes entweder auszunutzen oder es zu verändern, und so finden sie die zerbrechlichen Dinge in unserer sich schnell wandelnden Welt. Sie bringen uns dazu, sie zwingen uns dazu, Dinge zu reparieren oder etwas Besseres zu verlangen, und ich denke, wir brauchen sie, um genau das zu tun, dann letztlich ist es nicht Information, die frei sein will, sondern wir. Vielen Dank. (Applaus) Hackt den Planeten!

Translated by Hannah Crass Reviewed by Nadine Hennig